Streifzug durch die blonde Musikgeschichte (Bad. Neueste Nachrichten)

Mit Annette Postel und Gunzi Heil war mal wieder Tränen-Lachen im klag angesagt 

„Blondgesang” war es, der jüngst das ausverkaufte klag erbeben ließ — und was für einer! Annette Postel und Gunzi Heil ließen die Gaggenauer Kleinkunstbühne erblonden, parodierten, improvisierten, elektrisierten und ernteten nebst Pianist Joe Völker tosenden Applaus für Ihre Führung durch die blonde Musikgeschichte „2 — frisch getönt”. 

Überhaupt war alles ziemlich blond an diesem Abend, außer der [sic!] Mann am Flügel, der „schwarze Fleck in der Geschichte von Blond”, über den man allerdings nur froh sein konnte. Mit schauspielerischen Glanzleistungen, Charme, Humor und brillanten Stimmen wurde das Publikum geleitet auf dem Weg von der Steinzeit ins Heute, einmal quer durch Mittelalter und Renaissance, durch klassisches Zeitalter und Romantik. Da erkannte man Lieder, die ob Ihrer gelungenen Auswahl eine völlig andere Bedeutung erhielten, eine humorvolle, eingepackt in Erzählungen, die manch einem mitunter Tränen in die Augen trieben — vor Lachen! 

Urkomisch und mit unglaublicher Mimik verzauberte Annette Postel ihr Publikum, ließ ihre Stimme, gleichwohl warm wie kräftig, schrill und schön zugleich, kreisen um Worte, Texte, wohl gewählt — Herzblut war es, das sie in jeden Ton zu legen verstand. Dazu Gunzi Heil, Gegensatz oder Ergänzung? Auf jeden Fall gut. Schnell war er, vor allem sein Humor, seine mühelose Aufeinanderfolge von Worten, gereimt, witzig; eindrucksvoll auch sein Gesang. Von der Steinzeit über den damals wichtigsten Mann, Einstein frei hin zu Artur Rubinstein und Drafi Deutschers Hit „Marmor, Stein und Eisen…”, denn „je größer der Stein, desto lauter der Plumps”. 

Urkomisch und mit unglaublicher Mimik 

Aus der Steinzeit sollte wohl zunächst auch Postels Mann kommen, mit einem „Meisterringerkörper”, ein echter Kerl eben, dem man jeden Dienstag den Lendenschurz wäscht. Mit dem Gedanken allerdings an Steinzeitgemotze und Wissenslücken im Zitieren von Goethes Gedichten schien sie sich selbst diesen Floh wieder auszu-„singen”. Dann doch lieber das gelbe Plüsch-H von der Decke lassen auf die Bitte von Ritter Heil: „Rapunzel, lass Dein Haar hinunter!” 

Zweifelsohne eines ihrer besten Stücke des Abends geleitete dann durch das klassische Zeitalter. Mozarts Arie der Königin der Nacht aus der Oper „Die Zauberflöte” war Grundlage für ihr Lied über eine Sängerin, die ihr mit Üben noch den letzten Nerv raubte. Wundervoll und in ihrem Gesang vollkommen in derart ungewöhnlicher Paarung mit komisch witzigem Text erhält ein seit Jahrhunderten beliebtes Stück seinen Feinschliff auf den Leib geschneidert für ein begnadet-schöne Stimme. 

Weniger begnadet schön als begnadet talentiert mimt Heil mit einer Handpuppe den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, verleiht ihm seine Stimme, improvisiert und interagiert mit dem Publikum, enttarnt Zuschauer als Playboy-Leser, nimmt aktuelles Zeitgeschehen aufs Korn und wird zu guter Letzt noch angeheuert als Theaterdirektor, umgarnt von Postel mit fruchtlosen Versuchen, sich in sein Herz zu singen Ob als femme fatale oder Wiener Madel, als Berliner Göre oder feurige Ungarin — lieber biss der Kritiker in die Zeitung, die wohl sowieso nur gedruckt worden sei, damit die Werbung nicht nass würde. 

Ob die Siebzigerjahre eingeläutet mit Hilfe des Publikumchores als Cindy und Bert, ob Heils Erzählungen von seinen Fahranfängen oder dem Test, wie blond das Publikum wirklich sei — eine Zugabe mit gleich drei Stücken inklusive Postels bekannter „Carmen” war Muss beim berauschten Gaggenauer Publikum. Immens gut, immens witzig, immens beeindruckend. (Jasmin Bühler) 

23.10.2010

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