von Manuel Stangorra
Unterhaltung: Hinreißendes Musik-Kabarett bei den Festspielen im Auerbacher Fürstenlager
BENSHEIM. Sie erobern die Bühne im Orkan als eines der besten derzeit agierenden Musik-Kabaretts: Annette Postel, Gunzi Heil und Joe Völker alias Piano-Joe begeisterten mit ihrem bärenstarken Programm „Blond – frisch getönt“ bei den Internationalen Sommerfestspielen Bensheim-Auerbach.
Was die stolze Opernsängerin, der schwäbelnde Komiker und der unbezähmbare Tasten-Haudegen da auf die kleine Bühne katapultierten, stellte manches Dagewesene in den Schatten. Die drei Comedians bedienten in ihrer dreistündigen, künstlerisch ausgefeilten Show sämtliche Klischees der Blondinen. Alle Songs waren mit messerscharfen Texten unterlegt. Viele Zitate aus bedeutenden Quellen des kulturellen Gedächtnis reicherten dazu das Programm an, das von der „Steinzeit“ (Einstein, Rubinstein, Steinway, Rolling Stones, Ulli Stein und auch Moses’ Steintafeln) bis Mozart, von Falco über Udo Jürgens und Herbert Grönemeyer, von der Frauen-Fußball-WM über Reich-Ranickis Reden bis hin zum Zwist Bensheims gegen Heppenheim reichte.
Hier war für jeden etwas dabei, jeder fühlte sich auf unterhaltsame Weise angesprochen. Die Pointen saßen, das Ambiente des Fürstenlagers mit seinen exotischen Baumriesen gab dazu eine märchenhafte Traumkulisse ab. Sowohl der Haus-Pianist des Ensembles als auch Gunzi Heil zauberten aus dem Nähkästchen Sagenhaftes: Von Mozart über Chopin und Brahms, Elvis Presleys und Mick Jagger bis hin zu stilechtem Blues erlebte das Publikum die Fülle des gesamten Spektrums der Literatur. Die Akteure sprachen intelligent, zauberten musikalisch, kolorierten über Stilgrenzen hinweg, improvisierten, schöpften aus dem Vollen. Besonders Heils Persiflage über Marcel Reich-Ranicki stach hervor, der in blumigen Worten den Abend geistesscharf kommentierte und über die Apostel sinnierte. Alle Überleitungen gelangen perfekt, sämtliche Nummern brillierten mit Spontaneität und ungezügeltem Humor.
Salondiva Annette Postel (Sopran) variierte dazu verführerisch: Von der Anti-Carmen als männerfressendes, graues Mauerblümchen, Brahms-Schwester im Duett mit Gunzi Heil, als Klavierspielerin in romantischen Liebesliedern oder respektlose Dame des Theaters („Im Theater ist nichts los“) konnte die Chanteuse alle Rollen mit Leben erfüllen. Sie hatte die Berliner Schnauze ebenso drauf wie den Csardas und die Wiener Operette. Annette Postel konnte glänzen, keifen, zwitschern, trällern, war mal Erotikfrau und mal Geliebte. In Bensheim rauschte eine große Revue über die Bühne.
4. Juli 2011
