
Stadttheater Olten — Ein Trio macht sich auf eine parodistische Reise durch die «blonde» Musikgeschichte.
Ein ironisch gefärbtes, musikalisch-textliches Kabarettfeuerwerk, das überzeugend alle Vorurteile gegen Blondinen widerlegt.
Wenn es schwarze Musik gibt, warum denn nicht auch blonde? Um genau zu sein: wasserstoffsuperoxydblonde? Das haben sich die elegante Chanteuse Annette Postel (blonde, kurze Haare), der schlaksige Kabarettist Gunzi Heil (blonde, schulterlange Haare) und der singende und moderierende Pianist Joe Völker (leider brünette) gedacht. Und so kreierte das witzige Trio infernale die frische und teilweise umwerfend komische Bühnenshow «Blond – frisch getönt!». In rasantem Tempo und höchst abwechslungsreich unternehmen sie eine keineswegs ernst gemeinte Reise durch die Musikgeschichte von der Zeit der Neandertaler über den langnasigen blonden Helden Cyrano de Bergerac bis in unsere wirtschaftskrisengeschüttelte Gegenwart — immer auf den unübersehbaren Spuren, die blonde Komponisten, Musiker, Sängerinnen oder Entertainer hinterlassen haben. Und zeigen auf kluge und drastische Weise, dass Blondinen eigentlich ganz anders sind als in den unsäglichen Blondinenwitzen.
Gute Stimmung garantiert
Die gute Stimmung im Publikum war allerdings zum Vornherein garantiert. Statt auf der üblichen Theaterbestuhlung konnten sich die Besucher im Saal des Stadttheaters Olten schon eine Stunde vor der Vorstellung an runde Tische setzen und sich nach einem Glas Prosecco an feinen kalten und warmen Häppchen stärken. Und dies war denn auch ein gefundenes Fressen für den Parodisten Gunzi Heil: Nach der Pause bewies er mit vielen Anspielungen auf diese abendliche Cüpli-Kultur, dass sich hinter einer bekannten Oltner Tageszeitung ein überaus kluger Kopf verstecken kann. Der erfahrene Stand-up-Comedian und Puppenspieler verbarg sich dazu hinter der Puppe von Marcel Reich-Ranicki und kommentierte mit der Stimme und dem Sprechstil des deutschen Literaturkritikerstars das Tagesgeschehen entlang der Zeitungsschlagzeilen — eine Improvisation der Sonderklasse, die zu recht Begeisterungsstürme auslöste.
Gleich anschliessend bewies Annette Postel ihre virtuose Vielseitigkeit, in dem sie als singende Schauspielerin auf Jobsuche unter anderem als Pariser Chansonnette im Stile der Piaf, als quengelndes «Weaner Madl» oder als feurige ungarische Pusztatocher brillierte. Als Begleiter am Konzertflügel, mit kleinen Zwischenspielen und musikalischen Gags, mit klugen Moderationen und nicht zuletzt ebenfalls mit Gesangseinlagen führte der auch körperlich unübersehbare Joe Völker durchs abwechslungsreiche Kabarettprogramm.
Publikum mehrfach gefordert
Das gut gelaunte Oltner Publikum war mit gut zwei Stunden anspruchsvollem Musikkabarett gleich mehrfach gefordert. Zum einen durch die unglaublichen Wortspielereien Gunzi Heils, wenn er etwa in einem äusserst schnell gesprochenen Text zu passenden Musikfragmenten assoziativ direkt aus der Steinzeit über die Rolling Stones, die viel Moos angesetzt haben, zu Moses und seinen Steintafeln überleitet und wir endlich erfahren, warum es gut war, dass es damals noch keinen iPad gegeben hat. Zum andern beispielsweise durch die mit neuen Texten versehenen Musikarien, die Annette Postel auch mit gekonnt falschen Tönen zum Klingen brachte — sei es als Königin der Nacht aus Mozarts «Zauberflöte » oder als Mauerblümchen Carmen aus der Bizet-Oper.
Und schliesslich hatte das Publikum tüchtig selber mitzusingen. Beispielsweise im Märchen vom Rapunzel, das in einer Kurzfassung 100 Sekunden dauern sollte und das dank der freiwilligen Wienerwalzerseligkeit im Parkett viel, viel länger dauerte. Nicht zu vergessen der schwierige Background-Gesang, der von den Oltnern gefordert wurde: «Düpdübidüpdüp» oder so ähnlich zu einer köstlichen Parodie auf den Schlager «Immer wieder Sonntags» und das blonde Duo Cindy & Bert. Fazit: «Blond — frisch getönt!» ist ein ironisch gefärbtes, musikalisch-textliches Kabarettfeuerwerk, das überzeugend alle Vorurteile gegen Blondinen widerlegt. (Peter Kaufmann)
31. Oktober 2011
